Gedankenbuch 2021

6. Mai 2021:

Neoromantische Seelen haben es nicht leicht in diesen postbelanglosigkeitsmodernstrengen Zeiten, die von moralischen Zwängen subversiv durchzogen sind… Sicher, es bleibt das Universum in uns, und dies ausloten zu können, zu dürfen, ist sakral – und es gibt diese Welt draußen, die zu erwandern nicht minder heilig ist; so bleibt uns beides! Welch ein Trost!

4. Mai 2021:

Die Wolken zogen schnell, weiß und schwer dahin. Lag es daran, dass ich mich erinnerte? Oder waren es eher die dunklen, die abwechselnd folgten? Oder gar der frische Westwind, der sie alle trieb? Und diese Erinnerungen in mein Bewusstsein wirbelte wie den Staub damals auf der serbischen Straße in meine Haare. Auch diese Erinnerung an jene Reise in die Stadt Lissabon, deren Himmel bei der Ankunft ziemlich exakt so aussah, die mich mit sonnigen Armen empfing und mit einer Unmenge an Regen. War es – mitten in der alten Heimat – die Stadt der Erinnerung, das Lissabon des Herzens oder der Sehnsucht? Welches auch immer es war, beim Anblick des Himmels war alles da, was da sein musste, und, obwohl ich ganz still stand, begab sich meine Seele auf eine Reise, wie sie realer nicht hätte sein können. Wir träumen uns oft fort, doch Leben gibt es auch an diesem Ort. Und so viele Orte gibt es überhaupt erst, weil wir sie ersinnen. Ja, dies alles ist sogar hier möglich, ich war sehr überrascht.

3. Mai 2021:

Ein eigentümliches Gefühl beschleicht die Menschen, eine Mischung aus Stagnation und Aufbruch. Gewürzt ein wenig mit Euphorie und manchmal Glück, und sei es nur Impfglück. Aber auch Lähmung ist dabei. Verzweiflung und sehr oft Trauer. Hin und wieder Resignation – alles schon einmal da gewesen, ob es auf geht oder ab, am Ende landen wir alle auf dem Boden der kalten Tatsachen.